Ein interner, brisanter Polizeibericht der Nationalpolizei zur jüngsten Grenzkrise in der Exklave Ceuta sorgt für große Unruhe auf den Kanaren. Das Nationale Zentrum für Migration und Grenzen (CENIF) gab im Zuge der dortigen Ereignisse zwei konkrete Warnungen speziell für den Archipel heraus. Hintergrund der vertraulichen Meldungen an das Polizeipräsidium der Kanaren ist das akut eingestufte Risiko einer massiven Wiederaufnahme der Migrationsströme von Marokko in Richtung der Inseln.
Zwei offizielle Warnstufen für den Archipel erlassen
Ausgelöst wurde der Alarm durch die Ereignisse im vergangenen Juli, als rund 80.000 Menschen aus Marokko massenhaft die Grenze nach Ceuta überschritten und dort wochenlang für chaotische Zustände sorgten. Eine erste Sicherheitswarnung für die Kanaren erfolgte bereits mitten in der Krise am 31. Juli, um die Einheiten vor Ort auf einen plötzlichen Anstieg von irregulären Bootsankünften vorzubereiten. Eine zweite, umfassendere Warnung wurde am 4. August an alle strategisch wichtigen Polizeipräsidien in Südspanien sowie auf den Kanaren übermittelt.
Spezialisten der Migrationsbehörden betonen in dem Dokument, dass die Möglichkeit einer Reaktivierung der Routen von der marokkanischen Atlantikküste auf die Kanaren sehr hoch sei. Besonders die Route zwischen Tan-Tan beziehungsweise der Westsahara und den Inseln gilt laut der Analyse als hochgradig aktiv. Organisierte Kriminelle nutzen diese Strecken fortlaufend für Menschenschmuggel mit völlig seeuntüchtigen Booten.
Skrupellose Methoden der kriminellen Netzwerke
Erschreckende Zahlen liefert die polizeiliche Auswertung der maritimen Migration zwischen Marokko und Spanien für die Jahre 2023 bis 2026. Demnach wurden 98,13 % aller Überfahrten von hochprofessionellen kriminellen Organisationen abgewickelt, die über feste Infrastrukturen in Afrika sowie in den Ankunftsgebieten in Spanien verfügen.
Besonders eine im Bericht hervorgehobene Methode der Schleuser alarmiert die Ermittler: Große Schnellboote bringen die Migranten zunächst bis in internationale Gewässer. Dort werden die Schutzsuchenden in extrem wackelige Schlauchboote ohne eigenen Motor gesetzt und auf dem offenen Meer ausgesetzt, bevor die Kriminellen die Rettungskräfte benachrichtigen und unerkannt flüchten. Auf den Kanaren dominieren bislang noch traditionelle, einfache Holzboote (Cayucos) mit schwachen Motoren, doch die Behörden stellen sich bereits auf eine Anpassung der Taktiken ein.
Heftige politische Kritik aus der Region
Politischer Sprengstoff liegt in der klaren Unterscheidung der Vorfälle. Während es sich in Ceuta um eine spontane, gezielte Mobilisierung marokkanischer Männer handelte, wird die Kanaren-Route fast ausschließlich von jungen Männern aus Subsahara-Afrika, der Sahelzone oder dem Golf von Guinea genutzt, die von Schleppern gezielt instrumentalisiert werden.
Scharfe Kritik an der Zentralregierung in Madrid äußerte bereits Cristina Valido, Abgeordnete der Kanarischen Koalition. Sie warf dem Staat vor, das Ausmaß der Bedrohung an der eigenen Südgrenze völlig zu verkennen und viel zu spät zu reagieren. Die Lage sei besorgniserregend, da Sicherheitsberichte klare Fakten liefern, das Handeln der Regierung jedoch auf sich warten lasse.
