Der verschärfte Grenzschutz in Mauretanien hat zu einer spürbaren Veränderung der Migrationsbewegungen auf dem Atlantik geführt. Wie die Spanische Kommission für Flüchtlingshilfe (CEAR) in ihrem neuesten Jahresbericht mitteilt, führen die intensiveren Kontrollen an den mauretanischen Küsten zu einer großflächigen Verlagerung der Abfahrtsorte.
Migranten weichen zunehmend auf weiter südlich gelegene Länder wie Gambia, Senegal und Guinea sowie auf den Süden Marokkos aus. Diese Umstrukturierung verlängert die Seewege erheblich und erhöht das Risiko schwerer Schiffsunglücke auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln.
Hilfsorganisation sehen in dieser veränderten Routenführung auch den Hauptgrund für den statistischen Rückgang der Ankünfte. Im Laufe des vergangenen Jahres erreichten 17.788 Personen über den Seeweg die Kanaren, was einem Rückgang von 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.
Dieser Trend setzte sich auch in den ersten Monaten des laufenden Jahres fort: Die Anzahl der registrierten Migranten sank laut Innenministerium um 67,2 Prozent, während die Zahl der Boote um 73,7 Prozent zurückging.
Die CEAR betont jedoch, dass diese Zahlen nicht mit einem nachlassenden Migrationsdruck gleichzusetzen sind, sondern das Ergebnis von repressiven Eindämmungsmaßnahmen und politischen Krisen in den Herkunftsländern wie Mali darstellen.
Neue Abfahrtsorte in Westafrika: Längere Seewege erhöhen Gefahren
Durch das Ausweichen auf weiter entfernte Häfen in Westafrika verändern sich die Dynamiken für die Rettungskräfte. Während die klassische Mauretanien-Route zeitweise stark kontrolliert schien, verzeichnen die Behörden aktuell wieder einen Anstieg von Booten aus Marokko, die gezielt die östlichen Inseln ansteuern. Allein auf Lanzarote erreichten innerhalb von zehn Tagen vier Boote mit mehr als 400 Personen die Küste, wodurch die Insel neben El Hierro derzeit die höchste logistische Belastung trägt.
Schutzsystem für Minderjährige bleibt angespannt
Trotz des prozentualen Rückgangs der Gesamtankünfte bleibt die Situation bei der Aufnahme von unbegleiteten Minderjährigen extrem angespannt. Das kanarische Schutzsystem leidet weiterhin unter einer chronischen Überlastung. Zwar sank die Zahl der betreuten Jugendlichen im Laufe des Jahres von über 5.500 auf rund 4.500 Personen, doch die Kapazitäten der lokalen Aufnahmezentren sind nach wie vor komplett erschöpft.
Minderjährige machen derzeit etwa 14 Prozent aller auf dem Seeweg ankommenden Personen aus und gehören aufgrund der extremen Länge der neuen Routen zu den verletzlichsten Gruppen auf der Atlantikstrecke.
