Die Migration in Richtung der Kanaren ist laut Experten derzeit eher eingedämmt als dauerhaft gelöst. In dem neuen Bericht „Ruta Atlántica, Sahel y Canarias“ machte der stellvertretende Präsidentschaftsrat der kanarischen Regierung, Octavio Caraballo, deutlich, dass der aktuelle Rückgang der Zahlen trügerisch ist. Zwischen Januar und Ende August erreichten 5.163 Migranten die Inselgruppe und somit über 57 % weniger als im Vorjahreszeitraum.
Routen verlagern sich in den Süden
Der Rückgang liegt vor allem an den schärferen Kontrollen in Senegal und Mauretanien. Die Ursachen für die Fluchtbewegungen bestehen jedoch unverändert fort. Das führt dazu, dass die Routen weiter nach Süden abwandern – insbesondere nach Gambia und Guinea-Bissau.
Für die Menschen bedeutet das wesentlich längere Seewege von teilweise bis zu 2.000 Kilometern über den Atlantik. Diese Ausweichrouten machen die Überfahrt laut Regierungsangaben noch gefährlicher und fordern deutlich mehr Todesopfer. Zudem wird ein Großteil der Boote mittlerweile direkt vor den afrikanischen Küsten abgefangen, weshalb diese Menschen in den offiziellen Statistiken der Kanaren gar nicht erst auftauchen.
Forderung nach langfristiger Planung statt Krisenmodus
Die Regionalregierung fordert deshalb ein grundlegendes Umdenken und ein frühzeitiges Handeln in den Herkunftsländern, noch bevor die Boote die Küsten erreichen. „Wir müssen planen und wir müssen uns vorausschauend verhalten“, betonte Caraballo.
Auch die Direktorin des Spanischen Instituts für Migrationsanalysen (IEAM), Beatriz de León Cobo, fordert legale Mobilitätswege und nachhaltige Strategien. Die Politik dürfe nicht erst dann reagieren, wenn eine akute Krise auf dem Meer sichtbar wird. Das Problem beginnt weit weg vom Atlantischen Ozean – in lokalen Wirtschaftskrisen, von Konflikten betroffenen Regionen wie Mali oder durch den Verlust von Lebensgrundlagen durch den Klimawandel. Wer die Migration steuern wolle, müsse daher bereit sein, den Blick tausende Kilometer weit in das afrikanische Festland hinein zu richten.
